Interview mit Ex-Nationalangreifer Stefan Lebert

Ex-Nationalangreifer Stefan Lebert von TuS Rot-Weiß Koblenz   (Quelle: TuS Rot-Weiß Koblenz)

„An meinen letzten Europapokal habe ich sehr schmerzhafte Erinnerungen.“

Stefan Lebert, langjähriger Hauptangreifer vom TuS Rot-Weiß Koblenz und vierfacher Weltmeister äußert sich im Interview mit Tobias Andres zu seiner Einstellung zum Leistungsfaustball. Welche Rolle spielt die Sportart noch heute für den Ex-Nationalangreifer? Lest es selbst....


Hallo Stefan, die Faustball-Welt kennt Dich als langjährigen Hauptangreifer des Erfolgsteams TuS RW Koblenz, als Nationalspieler im legendären 1990er-Weltmeister-Team und faustballbesessenen Leistungssportlern. Welche Rolle spielt für Dich der Faustball heute und wie bist Du noch aktiv?

Der Faustball spielt für mich immer noch eine sehr große Rolle. Weniger wegen mir, sondern wegen meiner Familie. Meine Frau gibt dreimal in der Woche Mini-Training. Sie muss ich manchmal vertreten, zudem betreue ich die Mannschaft bei den Spieltagen, weil dies meiner Frau zu nervenaufreibend ist. Aktiv bin ich auch noch, es tut aber mittlerweile sehr weh, weil das Training fehlt. Wir versuchen, uns einmal die Woche zu treffen, was alle drei Wochen auch klappt. Dann die Spieltage und eventuelle Meisterschaften, es dreht sich also noch viel um Faustball, unsere einjährige Tochter wächst derzeit auf dem Faustballfeld auf.


Wie Du weißt, findet am 3./4. Juli 2010 der Faustball-Europacup in Berlin statt. Du selbst hast mit Koblenz mehrmals den Europacup gewonnen. Welche Erinnerungen hast Du an diese internationalen Top-Events?

An meinen letzten Europapokal sehr schmerzhafte Erinnerungen. Das war 2004 in Dennach. Im fünften Satz, nach zweieinhalbstündiger Spielzeit, gegen Linz-Urfahr bekam ich Krämpfe, die zum Glück wieder aufhörten. Aber wir verloren mit 21:23 im Entscheidungssatz, das war natürlich bitter. Dieses Jahr feiern wir aber auch noch 150 Jahre Rot-Weiß Koblenz. Und beim Faustballbericht für die Chronik wurden unsere ersten beiden Europapokalsiege 1987 und 1988 noch einmal präsent. Ich habe mir noch mal alle damaligen Berichte durchgelesen, das sind Erinnerungen, die richtig Spaß machen.


Beim Europacup in Berlin treffen mit Cyrill Schreiber, Martin Weiß und Jean Andreoli drei der weltbesten Angreifer aufeinander. Wer ist für Dich der Titelfavorit und welche Chancen räumst du dem Gastgeber VfK 1901 Berlin ein?

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass sich bei mir zwar noch viel um Faustball dreht, ich aber vom aktuellen Stand der besten Mannschaften zurzeit keine Ahnung habe. Ich kenne Martin Weiß aus seiner besten Zeit, er verwandelte schließlich 2004 den Matchball gegen uns, Cyrill Schreiber als aufstrebenden Jugendlichen. Bei Jean Andreoli und Berlin wird’s schon eng. Also sagen wir mal so: Ich wünsche dem gastgebenden VfK 1901 Berlin eine Überraschung und die Finalteilnahme.


Du hast nicht nur mit Koblenz über zwei Jahrzehnte in der internationalen Faustballspitze mitgespielt, sondern kennst auch den brasilianischen Faustball aus dem Effeff. Wie kam es dazu und welche Unterschiede siehst Du zum europäischen Faustball?

Ich lebte ein Jahr in Brasilien, wo ich in Porto Alegre bei Sogipa spielte und alle Mannschaften trainierte und in einer Schule Sportunterricht gab. George, heute zweifacher Weltmeister, spielte damals übrigens noch als zweiter Angreifer in der Sogipa-Jugendmannschaft. Es war zum Ende meiner Sport-Studienzeit (ich vollendete dort meine Diplomarbeit mit dem Thema: Vergleich der Faustballsysteme Europa und Südamerika). Da heute ja viele Spitzenmannschaften das südamerikanische System übernommen haben und auch im U-System spielen, sind die Unterschiede nicht mehr so groß. Auch im emotionalen Bereich haben europäische Mannschaften aufgeholt. Aber es gibt noch einen, aus meiner Sicht ganz wichtigen Unterschied: In Europa spielt meistens ein Angreifer auf der Vorne-Rechts-Position, in Brasilien ist es meistens ein Zuspieler, der in der Regel besser annehmen, besser zuspielen und besser die kurzen Bälle holen kann. Da mangelt es am meisten beim europäischen U. In Koblenz hat es immer sehr gut geklappt, weil Frank Laux nicht nur Angreifer war, sondern auch das andere beherrschte.


Man kennt Dich als absoluten Leistungssportler, Erfolgsbesessenen und Trainingsverrückten. Woher hast Du Deine Motivation genommen und wie hast Du Dich früher auf große Top-Events, wie z.B. einen Europacup vorbereitet?

Manchmal lachen wir heute im Training über folgendes: Wie konnte es sein, dass jahrelang im Training zehn Mitspieler erstmal eine Stunde vor dem Balltraining in allen möglichen Variationen hinter mir hergelaufen sind, ohne sich zu beschweren. Na ja, wir haben es halt gemacht, haben Spaß daran gehabt. Es war schöner, nach dem Training fix und fertig zu sein, als nur einen halben Grund zum Duschen zu haben. Und die Vorbereitung auf einen speziellen Wettbewerb. Schwierig, denn beim Faustball, wie auch bei anderen Mannschaftssportarten, hat man ja nicht nur ein oder zwei Höhepunkte im Jahr, sondern muss die ganze Saison über mehr oder weniger gut drauf sein. Ich rate, nach einer Saison zwei Wochen Pause zu machen, und sich dann zwei Monate ordentlich (konditionell) vorzubereiten. Einen Tag laufen, am anderen Krafttraining, dazu zwei- bis dreimal Faustballtraining, einen Tag Pause. Das zwei Monate lang, davon zehrst du die ganze Saison.

Bei den Männern 35 immer noch aktiv: Stefan Lebert von TuS Rot-Weiß Koblenz (Quelle: TuS Rot-Weiß Koblenz)

Der junge Stefan Lebert soll ein ruhiger, beinahe introvertierter Typ auf dem Platz gewesen sein. Heute bist Du auch für Deine emotionalen Ausbrüche, das lautstarke Anfeuern der eigenen Mannschaft und den Trashtalk mit Gegnern und Schiedsrichtern bekannt. Wie kam es zu diesem Sinneswandel, gehört das zur mentalen Kriegsführung und kalkulierten Verunsicherung der gegnerischen Mannschaft?

Ich war auf dem Platz immer ruhig, und an Diskussionen mit Schiedsrichtern kann ich mich nicht erinnern;-) Ich habe auch noch nie eine gelbe Karte (gibt’s so etwas beim Faustball überhaupt?) oder sonstiges bekommen. Ich habe aber schon als Schüler meine Mannschaft immer angefeuert, nach meinem Brasilienaufenthalt etwas lauter. Nervosität kann man übrigens durch lautes Schreien ganz gut bewältigen. Bei der Männer-35-DM in Offenburg gab es eine Unterhaltung zwischen mir und Ohrstedts Angreifer Renke Söth. Schiedsrichter Hans-Peter Brosig, der uns Koblenzer viele Jahre begleitet hat, freute sich nach der Partie: „Mensch Stefan, endlich mal wieder so eine Action wie früher.“ Ich weiß auch nicht genau, was er damit gemeint hat.


Stefan, noch eine private Frage: was macht der familiäre Nachwuchs, wird auch zukünftig der Name Lebert für erfolgreichen Leistungsfaustball stehen?

Leistungsfaustball, das weiß ich nicht. Aber meine Tochter Carolina war mit der U14-Jugend immerhin schon mal auf der deutschen Meisterschaft in dieser Hallensaison. Mein Sohn Felipe ist neun Jahre alt, keine Ahnung was faustballerisch daraus wird. Und Gabriela: Sie wirft immerhin mit 15 Monaten schon den Ball.


Stefan, herzlichen Dank für das Interview und Deine interessanten Antworten. Herzlichen Dank für das Gespräch!


Zum Schluss:

Am 3./4. Juli 2010 bin ich… in Lana, beim 50-jährigen Jubiläum der IFA.

Berlin ist… eine Reise wert, ich will unbedingt mal mit meiner Frau und zumindest den größeren Kindern dorthin.

Faustball ist… auf hohem Niveau gespielt - für den Zuschauer eine tolle Sportart.


 Das Interview führte Tobias Andres.

Fotos: TuS Rot-Weiß Koblenz