Interview mit Jahrhundertfaustballer Dirk Schachtsiek

EC   2010

„Der Europacup gehörte immer

zu den absoluten Saison-Highlights.“

Dirk Schachtsiek (Foto: DFBL)Den 44-jährigen Faustballer des Jahrhunderts und viermaligen Weltmeister bereits jetzt als Legende zu betiteln ist fast schon eine Beleidigung, denn der Hagener Dirk Schachtsiek ist topfit und mischt bei großen internationalen Turnieren immer noch vorne mit. Für aktuelle Nationalspieler und Nachwuchsfaustballer gilt der heutige DFBL-Vizepräsident vielleicht gerade deshalb als absolutes Vorbild. Tobias Andres klärte im Gespräch mit dem Aushängeschild des deutschen Faustballs, warum die Faustball-Ikone während des Europacups der Männer dennoch im italienischen Lana weilen wird.....

 Dirk, mit insgesamt 19 Europacup-Titeln bist Du nicht nur „Mr. Europacup“ sondern auch „Jahrhundertfaustballer“. Welchen Stellenwert hatte der Europacup für Dich?

Dirk 
Schachtsiek - Faustball-Legende und heutiger DFBL-Vize-PräsidentDer Europacup gehörte für mich selbstverständlich immer zu den absoluten Saison-Highlights. Allerdings muss man sagen, dass bis Mitte der 90er Jahre die Deutschen Meisterschaften einen höheren Stellenwert besaßen, da die Leistungsdichte der nationalen Meisterschaft höher war als beim Europapokal. Das hat sich danach allerdings nach und nach zu Gunsten des EP verändert.


Du hast erstmals 1987 den Europacup gewonnen, zuletzt 2001. Welches Europacup-Erlebnis hat Dich besonders geprägt?

Da gibt es so viele Erlebnisse, dass ich sie beim besten Willen nicht aufzählen kann. Außergewöhnlich war jedoch der Hallen-Europapokal 1996 in Jona: In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde mein Sohn Ole geboren. Ich habe am Telefon die sich überschlagenden Meldungen erhalten und war praktisch live im Kreißsaal dabei. Ich habe in der Nacht höchstens eine halbe Stunde geschlafen. Trotzdem konnten wir das Finale gegen Full-Reuenthal knapp gewinnen. Ich bin dann anschließend total kaputt und glücklich per Flugzeug so schnell wie möglich zu Frau und Kind gereist.


Dirk, lass uns einmal zurück blicken. Mit Anfang 20 hattest Du faustballerisch praktisch alles erreicht: Deutscher Meister, Europacupsieger, Weltmeister! Was war für Dich der Antrieb, immer wieder neue Höchstleistungen zu bringen, immer noch mehr Titel zu sammeln?

Natürlich muss man wohl ein Stück weit „faustball-verrückt“ sein, um die langen Jahre hindurch den hohen Aufwand zu betreiben. Der größte Antrieb war für mich dabei stets, dass wir immer absolut intakte Mannschaftsgefüge und dadurch meistens riesigen Spaß hatten. Mit meinen Mitspielern habe ich mich immer gut verstanden und Freundschaften für das Leben geschlossen. So haben wir regelmäßig auch neben dem Faustball gemeinsame Freizeitaktivitäten unternommen (Motorradfahren, Skifahren, Marathon…). Aus diesen Freundschaften und Gemeinsamkeiten habe ich immer wieder Motivation gezogen.


Dirk, Du bist ein kompletter Faustballer: Athletik, Technik, Spielverständnis, mentale Stärke. Wie sah Deine konkrete Europacup-Vorbereitung aus? Hast Du Dein Training und Deine Ernährung gezielt auf solche Events ausgerichtet?

Selbstverständlich habe ich mich gezielt auf wichtige Wettkämpfe vorbereitet. Der Ernährung habe ich dabei allerdings keinen besonderen Stellenwert eingeräumt.

Im Allgemeinen haben wir immer Saisonpläne aufgestellt, die die jeweiligen Highlights berücksichtigten. Dabei haben wir in Hagen davon profitiert, dass wir fast immer Sportstudenten in unseren Reihen hatten und so bezüglich der Trainingsmethodik immer auf dem neuesten Stand waren.


Heute fällt auf, dass viele Angreifer immer wieder mit Verletzungsproblemen zu kämpfen haben. War das zu Deiner Zeit auch schon so oder waren die Spieler damals robuster? Hast Du spezielle Maßnahmen zur Verletzungsprophylaxe ergriffen?

Auch früher gab es etliche Verletzungen. Viele Schlagleute, gegen die ich in der Jugend gespielt habe, mussten nach einigen Jahren verletzungsbedingt aufhören.

Als Vorbeugung vor Verletzungen habe ich stets dosiertes Krafttraining (überwiegend nur mit leichten Gewichten) gemacht und auch viel Wert auf Dehnübungen im Schulterbereich gelegt.


Über fast zwei Jahrzehnte hast Du mit dem TSV Hagen 1860 die nationale und internationale Faustballszene dominiert. Ist so etwas heute noch möglich? Siehst Du derzeit junge Mannschaften, die eine ähnliche Ära einläuten könnten?

Das ist natürlich schwer zu sagen, aber der Mannschaft aus Pfungstadt traue ich in den nächsten Jahren Einiges zu.


Jahrzehntelang war Deutschland das Maß aller Dinge im internationalen Faustball, seit 1999 gehen die WM-Titel in andere Länder. Wie schätzt Du die aktuelle Lage ein, läuft uns die Konkurrenz weiter davon oder holen wir auf?

Ich bin mir sicher, dass wir in naher Zukunft wieder aufholen und hoffentlich auch überholen werden. Die letzten internationalen Titel im Jugend- und Juniorenbereich sind immer an Deutschland gegangen. Auch für die diesjährige Jugend-WM in Spanien haben wir berechtigte Hoffnungen, die Goldmedaille zu holen. Bei der Männer-WM 2011 in Österreich werden wir aber sicher noch nicht als Favorit ins Rennen gehen. Für die Folgejahre sehe ich dann aber gute Chancen, international wieder die Spitze einzunehmen.


„VfK hat Außenseiterchancen.“


Dirk Schachtsiek (Quelle: privat)Der VfK Berlin ist sicherlich beim Europacup 2010 in einer Außenseiterrolle. Wie stark schätzt Du die Mannschaften aus Österreich und der Schweiz ein, die mit einem Aufgebot an Weltklasseangreifern nach Berlin reisen?

Ich teile die Einschätzung, dass der VfK nur Außenseiterchancen hat. Mit Jean Andreoli, Cyrill Schreiber und Martin Weiß verfügen alle drei Gastmannschaften über absolute Weltklasseangreifer. Da wird es für Berlin sehr schwer, gegen zu halten. Aber Anfang Juli ist die Wahrscheinlichkeit auf gutes Wetter (langsamer Rasen) sehr hoch, so kann die absehbare Unterlegenheit bezüglich der Angabe durch eine exzellente Mannschaftsleistung eher ausgeglichen werden. Beim Gewinn der DM im letzten Jahr ist das den Berlinern hervorragend gelungen. Auf jeden Fall drücke ich dem VfK ganz doll die Daumen.


Dirk, herzlichen Dank für Deine offenen Worte und den interessanten und spannenden Blick hinter die Kulissen. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Zum Schluss:

Am 3./4. Juli 2010 bin ich in... Lana (Italien) auf der 50-Jahr-Feier der IFA. Wir spielen dort ein Jubiläumsmatch mit der WM-Mannschaft von 1990.

Berlin... ist immer eine Reise wert (Ich hoffe, das sage ich auch noch nach dem Berlin-Marathon im September :-)

Faustball.... - einfach klasse!