Interview mit Werner Weghorn, TV Eibach 03

EC 2010

„Einen Topfavoriten gibt es für mich nicht.
Ein Europacupsieg hängt auch von der Tagesform ab.“

Werner Weghorn - TV Eibach 03Werner Weghorn (47) zählt zu den besten Faustballern seiner Generation und verkörpert den klassischen Mittelspieler im 5er-System. Der Eibacher ist Teil der mittlerweile legendären WM-90-Mannschaft und lehrt mit seinen Teamkameraden auch heute noch auf diversen internationalen Turnieren aktuellen Nationalspielern das Fürchten. Mit dem TV Eichbach 03 steht er bei den Deutschen Meisterschaften der M35-Klasse regelmäßig "auf dem Treppchen". Seinem Interviewpartner Tobias Andres verriet der 3-fache Weltmeister seine Trainingstipps und wagt einen Blick in die Zukunft des deutschen Faustballs auf internationalem Parkett....

 

Hallo Werner, die Faustballfreunde in Deutschland und der ganzen Welt kennen Dich seit Jahrzehnten als Leistungssportler, herausragenden Mittelmann und geselligen Mitspieler. Seit wann mischst Du denn schon im Faustballzirkus mit und wie kamst Du dazu?

Ich kam durch meinen Bruder 1974 mit ca. 11 Jahren zum Faustball. Ich habe vorher relativ erfolgreich geturnt und mußte mich anfangs sogar ins Faustballtraining schleichen. Mein Vater war zu dieser Zeit ein Anhänger des Turnsports und wollte nicht, dass ich diese Sportart zugunsten des Faustballsports aufgebe. Doch nach unserer ersten Teilnahme an der Deutschen Schülermeisterschaft in Kaiserslautern (Ramstein) änderte er seine Meinung etwas (Gott sei Dank).

Wie Du weißt, findet am 3./4. Juli 2010 der Faustball-Europacup in Berlin statt. Welche Europacup-Erinnerungen und Erfahrungen hast Du in Deiner Faustball-Karriere gemacht?

Sicherlich eine der schönsten Europacuperinnerungen war der Europacupsieg 1988 mit dem TV Eibach 03 in Burghausen gegen den zu der Zeit alles gewinnenden TSV 1860 Hagen. Mit Dirk Schachtsiek hatten die Hagener zu dieser Zeit sicherlich einen Ausnahmeschlagmann in den Reihen. Aber wie schon damals hängt ein Europacupsieg bei der Leistungsdichte der teilnehmenden Mannschaften bei solch einer Veranstaltung auch von der Tagesform der einzelnen Teams ab. Und natürlich gehört neben den sportlichen Fähigkeiten auch ein Quäntchen Glück dazu um den Titel letztendlich zu erlangen.


Beim Europacup 2010 sind die Top-Teams aus Deutschland, Österreich und der Schweiz dabei. Wer ist für Dich der Titelfavorit und wie schätzt Du die Chancen des Gastgebers VfK Berlin ein?

Sicherlich haben alle teilnehmenden Teams eine reelle Chance den Titel zu holen. Einen Topfavoriten gibt es für mich nicht, da hier sicherlich jeder jeden schlagen kann. Wenn nicht verletzungsbedingt einige Spieler kürzer treten müssen, werden die Zuschauer sicherlich spannende Spiele zu sehen bekommen und natürlich hoffe ich, dass der Gastgeber aus Berlin mit dem Publikum im Rücken auch ein Wörtchen mitreden kann.


„Ich hoffe, dass der Gastgeber aus Berlin mit dem Publikum im Rücken auch ein Wörtchen mitreden kann.“


Werner Weghorn - 3facher Weltmeister vom TV Eibach (Sportfoto Zink)Mit Cyrill Schreiber, Martin Weiß und Jean Andreoli präsentieren sich beim Europacup drei der derzeit weltbesten Angreifer. Du hast gegen alle gespielt, wie beurteilst Du deren Leistungsvermögen – auch im Vergleich zu den Top-Angreifern der vergangenen Jahrzehnte?

Alle drei Schlagleute haben ein enormes Schlagpotential. Während Cyrill sicherlich die Schlaghärte auszeichnet, ist es bei Jean die Finnesse im Spiel und das Auge für die Laufwege des Gegners. Martin dagegen gehört mittlerweile schon zu den routinierteren Schlägern, steht den anderen sicherlich aber in nichts nach. Aber natürlich werden auch die Abwehrreihen ein Wörtchen mitreden, denn jeder Schlagmann ist nur so gut wie es die gegnerische Abwehr zulässt. Ein Vergleich mit früher ist immer schwierig. Was Schlaghärte betrifft, hat es Dieter Thomas ja damals auf stolze 143km/h gebracht; aber die Schlaghärte ist ja nicht alles. Was ich etwas vermisse ist die große Dichte an guten Schlagleuten. Ich denke, die war zu unserer Zeit etwas höher.


Zu Deiner aktiven Zeit wurden die internationalen Titel fast ausschließlich nach Deutschland vergeben. Du selbst bist 3-maliger Weltmeister. Wie siehst Du die Entwicklung im deutschen und internationalen Faustball?

Insgesamt hat es dem Faustballsport gut getan, dass eine "Wachablösung" um die Titelvergabe bei den internationalen Wettbewerben stattgefunden hat. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren etwas zu lange auf seinen Lorbeeren ausgeruht. So ist es nur gerecht, das, Österreich und Brasilien mit ihrer guten Nachwuchsarbeit die letzten Titel eingefahren haben. Aber auch die Schweiz hat enorm aufgeholt und redet bei jeder Titelvergabe nun immer ein Wörtchen mit. Ich denke aber wir werden aus diesem Tal herauskommen, wenn ich die vielen Talente im Jugend- und Juniorenbereich in Deutschland sehe.


 Werner, Du bist heute noch auf den großen Turnieren Europas zu sehen und zeigst, dass Du mit den weltbesten Faustballern immer noch mithalten kannst. Wie machst Du das, wie wichtig ist dabei körperlich Fitness und wie sieht heute Deine Trainingsgestaltung aus?

Das entscheidende ist sicherlich körperlich einigermaßen fit zu bleiben. Mein Trainingspensum rein für Faustball ist von 3-4 mal pro Woche auf 1 mal zusammengeschrumpft.

Die Schnelligkeit der vergangenen Jahre ist mittlerweile auch etwas der Routine und dem Auge fürs Spiel gewichen. Trotzdem macht es immer noch Spaß mit meinen früheren Nationalmannschaftskollegen das ein oder andere Spitzenteam des Faustballsports im Spiel auf internationalen Turnieren zu "ärgern".


Du bist ein Spezialist für die vorgezogene Mitte – eine Position die heute fast ausgestorben ist. Wie beurteilst Du diese Entwicklung hin zum U-System?

Fast alle Mannschaften haben auf das U- System umgestellt. Beide Systeme haben sicherlich vor und Nachteile, die auch den meisten bekannt sind. Der Angriffspunkt Mitte hat sich mit dem U- System etwas auf die Vorderleute verlagert, welche nun sowohl kurze-, halblange- und direkte Bälle annehmen müssen und auch ins Zuspiel eingebunden sind. Das Spiel wird dadurch für den Zuschauer dynamischer, allerdings ist der Spielaufbau auch insgesamt etwas unruhiger.


Werner, viele junge Faustballern fragen heute, wie konntest Du Deine herausragenden Fähigkeiten in der vorgezogenen Direktabwehr entwickeln. Hast Du für unsere Leser spezielle Trainings- und Techniktipps parat?

Das Trainingspensum hat sich im Allgemeinen sicherlich etwas reduziert. Nur wenige Spitzenspieler trainieren noch täglich, was natürlich auch oft mit den heutigen Anforderungen in der Berufswelt nicht mehr vereinbar ist. Faustball ist nun mal kein Profisport, aber man kann auch mit weniger, aber dafür gezieltem und intensivem Training viel erreichen.

Um die direkte Annahme und das Zuspiel intensiv zu schulen, benötigt man neben der körperliche Fitness und dem Gefühl für den Ball eine Vielzahl an Wiederholungszyklen. Während man das Zuspiel auch alleine schulen kann, ist man bei der direkten Abwehr allerdings auf eine Vielzahl an hart geschlagenen und schwierig zu nehmenden Bällen des Schlagmanns angewiesen.


Werner, herzlichen Dank für Deine offenen Worte und den interessanten und spannenden Blick hinter die Kulissen. Vielen Dank für das Gespräch!