Der große Schiritalk mit den Europacup-Referees

EC 2010

Rainer Pfaffeneder (Österreich)Karsten Asbahr (Deutschland)Hans Hunn (Schweiz)

Nicht erst seit den Wettskandalen im Fußball sorgen Schiedsrichter immer wieder für Gesprächsstoff. Fehlentscheidungen werden lautstark kritisiert, eine korrekte und souveräne Spielleitung selten honoriert. Wie wird man Faustball-Schiedsrichter? Gibt es eine spezielle Vorbereitung für das Escriba Faustball Europacup- Wochenende? Und wie gehen Faustball-Schiedsrichter mit Kritik um? Tobias Andres klärte im Schiritalk mit den Schiedsrichtern die wichtigsten Fragen für die Zuschauer.....



Die wichtigste Frage zuerst, was zeichnet einen guten Schiedsrichter aus?

Karsten Asbahr Deutschland:

Gute Regelkenntnisse, körperliche Fitness, Fingerspitzengefühl, schnelle und klare Entscheidungen.

Rainer Pfaffeneder Österreich:

Er sollte immer Herr der Lage sein und wenn Ihm Fehler passieren - fehlerfrei ist niemand - für einen fairen Spielverlauf sorgen.

Hans Hunn Schweiz:

Ein Schiedsrichter sollte seine Arbeit auch sehr diskret ausüben. Er muss einen guten Überblick vom Spiel haben, sollte das Spiel lesen können und wie gesagt möglichst schnelle und korrekte Entscheidungen treffen.


Was war ausschlaggebend für Eure Nominierung zum Europacup 2010 in Berlin und wie habt Ihr davon erfahren?

Karsten Asbahr Deutschland:

Diese Frage musst Du diejenigen fragen, die die Entscheidung getroffen haben. Ich habe durch einen Anruf und eine Mail davon erfahren.

Rainer Pfaffeneder Österreich:

In Österreich wird man von der nationalen Schiedsrichterkommission vorgeschlagen und schriftlich informiert.

Hans Hunn (CH): Durch meine zahlreichen Schiedsrichtereinsätze in der Schweiz hat mich Swiss-Faustball für den Europacup 2010 in Berlin nominiert.


Wie wird man eigentlich IFA-Schiedsrichter, wie sahen Eure Werdegänge aus und wie seid Ihr überhaupt zum Schiedsrichterwesen gekommen?

Rainer Pfaffeneder Österreich:

Der erste Schritt in meine Schiedsrichterlaufbahn wurde mit den Worten „Wir brauchen mehr Schiedsrichter im Verein und du machst den Kurs“ eingeleitet. Danach hatte ich eine längere Pause. Da ich mich in meiner Spielerlaufbahn regelmäßig über Schiedsrichter geärgert habe, entschloss ich mich selbst einer zu werden und es besser zu machen. Ich meldete mich für den Bundesschiedsrichterkurs an und ein paar Jahre später wurde ich von der österreichischen Bundesligakommission für den IFA-Kurs vorgeschlagen.

Hans Hunn Schweiz:

Während meiner Schulzeit war ich als Kunstturner aktiv. Mit zwanzig begann ich in meinem Stammverein STV Safenwil mit dem Faustballsport. Viele Trainer und Betreuer waren für mich bereit, aus mir einen guten Sportler zu machen. Da ich in meiner Jugendzeit viel profitieren konnte, war es selbstverständlich, dass ich mich auch als Ausbilder für den Nachwuchs und den aktiven Faustballsport einsetzen möchte. Als technischer Leiter im Kanton Aargau war ich für die Ausbildung und den ganzen Spielbetrieb verantwortlich. Um dieses Amt auszuführen, muss man eine Ausbildung als Trainer und Schiedsrichter absolvieren. Zur Schiedsrichter-Ausbildung gehört eine regionale Prüfung. Auf Antrag der Schiedsrichterkommission wird man für die nationale Prüfung empfohlen. Nach einigen Jahren als nationaler Schiedsrichter, kann die Swiss-Faustball den Schiedsrichter zum internationalen Schiedsrichter-Lehrgang melden. Nach bestandener Abschlussprüfung wird man IFA- Schiedsrichter und ist berechtigt, internationale Spiele zu leiten.

Karsten Asbahr Deutschland:

1972 habe ich mit dem Faustballspielen begonnen. Unsere Mannschaft stieg in die Landesliga auf und brauchte hierfür einen Schiedsrichter. So kam ich zum schiedsen, machte zuerst die C- und anschließend die B-Lizenz. 1984 nahm ich an einem A-Lehrgang teil, den ich erfolgreich abschloss. 1987 folgte dann auf Vorschlag des Bundesschiedsrichterwartes die Teilnahme an einem I-Lehrgang, diese Lizenz besitze ich seit diesem Zeitpunkt. Für Schleswig-Holstein bin ich derzeit der einzige I-Schiedsrichter.


Im Fußball spricht man von „internationaler Härte“. Gibt es so etwas auch im Faustball, wird international anders gepfiffen als in den nationalen Ligen?

Rainer Pfaffeneder Österreich:

Nach meiner Erfahrung gibt es da keinen Unterschied. Sicher ist es anders, wenn ich ein Spiel pfeife, wo ich jeden seit Jahren kenne, mit ein paar Leuten sogar gemeinsam gespielt habe. Ein Fehler bleibt aber ein Fehler!

Karsten Asbahr Deutschland

Von internationaler Härte kann man im Faustball nicht sprechen, da es hier ja keinen direkten Kontakt zum Gegenspieler.

Hans Hunn Schweiz:

Richtig, zwischen nationalen und internationalen Spielen gibt es in der Spielleitung keine großen Unterschiede.


Wie bereitest Ihr Euch auf wichtige Partien wie den Europacup vor? Schaut Ihr spezielle Spieler vorher genauer an oder prüft die technischen Gegebenheiten vor Ort?

Karsten Asbahr Deutschland:

Sofern ich die Möglichkeit habe, schaue ich mir die Spieler vorher an, um zu sehen, auf was eventuell besonders zu achten ist. Natürlich werden auch vor dem Spiel die technischen Gegebenheiten, wie z. B. Spielfeld und Leine, geprüft.

Rainer Pfaffeneder Österreich:

Bei den besten Mannschaften Europas ist die Geschwindigkeit des Balles eine andere, deshalb sehe ich mir im Vorfeld hochklassige Partien an. Vor Ort sehe ich mir bei der Prüfung des Platzes auch mögliche Irritationen an (Bandenwerbung, Anzeige, Tribünen, …). Natürlich kommen unmittelbar vor dem Spiel noch die Spieler persönlich dran.

Hans Hunn Schweiz:

Meine Saisonvorbereitung beginnt mit dem allgemeinen Fitnesstraining in meinem Stammverein STV Safenwil. Jährlich treffen sich die Schiedsrichter zu Wiederholungskursen, um Spielregel- und Auslegungsänderungen zu erfahren. Spielpraxis erarbeite ich im Frühjahr an internationalen Faustball Turnieren. Bis zum Einsatz in Berlin werde ich Nationalliga A + B, und Cup-Spiele in der Schweiz leiten.


Bei Niederlagen wird schnell mal der Schiri als Schuldiger ausgemacht. Lob gibt es hingegen eher selten. Wie geht man damit um, braucht man ein besonders dickes Fell?

Karsten Asbahr Deutschland:

Das ist manchmal sicherlich nicht ganz einfach. Man versucht natürlich das Beste zu geben, aber auch wir Schiedsrichter sind nur Menschen, und wo Menschen tätig sind, werden auch mal Fehler gemacht. Aber das wird ab und zu von den Spielern und Betreuern anders gesehen, leider. Da braucht man dann schon ein dickes Fell und muss versuchen, dies schnell für sich zu verarbeiten

Rainer Pfaffeneder Österreich:

Man muss sich selbstkritisch die Frage stellen, ob man es so gut wie möglich gemacht hat und aus seinen Fehlern lernen.

Hans Hunn Schweiz:

Als Schiedsrichter ist man Haut nah beim Spiel. Es gibt einfache aber auch schwere Entscheidungen zu treffen. Nicht jede Entscheidung wird von den Mannschaften gleich gut aufgenommen. Für den Schiedsrichter ist es dann wichtig, sich m Hintergrund zu halten und selber Ruhe zu bewahren. So kann man viele Diskussionen abwenden.


Welche Schiedsrichtererfahrungen haben Euch am stärksten geprägt?

Karsten Asbahr Deutschland:

Kann ich so spontan gar nicht beantworten. Aber jedes Spiel bringt immer wieder neue Erfahrungen mit sich, aus denen man auch lernt und profitiert.

Hans Hunn Schweiz:

Im Jahre 2003 vertrat ich die Schweiz als Schiedsrichter an der Faustball WM in Brasilien. Mein eindrücklichstes Erlebnis war, als ich das WM-Finale 2003 zwischen Brasilien und Deutschland leiten durfte. Das Stadion war randvoll mit Zuschauern. Die meisten Fans waren Brasilianer, die mit ihren Sambatrommeln Stimmung machten. Zeitweise konnte man den Pfiff zur Spielunterbrechung kaum noch hören. Meine innere Anspannung war bis zum Zerreisen gespannt. Mit voller Konzentration leitete ich das Spiel. Eine enorme Erleichterung machte sich nach Spielende bei mir bemerkbar. Ich möchte ein solches Spiel jedem Schiedsrichter ein Mal gönnen; für mich war es der absolute Höhepunkt. Brasilien hatte übrigens gewonnen.


Wie ist es um den Schiedsrichternachwuchs bestellt, gibt es genug junge Schiedsrichter, die nach oben drängen? Wer ist für deren Aus- und Weiterbildung verantwortlich und wäre ein „Fall Amerell“ auch im Faustball denkbar?

Hans Hunn Schweiz:

In der Schweiz muss jede Nationalliga-Mannschaft einen ausgebildeten Schiedsrichter stellen. Somit sollten immer genügend Schiedsrichter zur Verfügung stehen. Jährlich wird von Swiss-Faustball ein Schiedsricher-Lehrgang durchgeführt. Alle Faustballer können diesen Lehrgang besuchen und sich zum Schiedsrichter ausbilden.

Faustball ist eine Randsportart, Geld ist in diesem Sport nicht im spiel, die Kameradschaft wird noch hoch geschrieben. Jeder kennt jeden, und jeder mag seinem Gegner auch ein Sieg gönnen. Somit gibt es keine Hintergrundspiele.

Karsten Asbahr Deutschland

In Deutschland braucht jede spielberechtigte Mannschaft entsprechend der Liga, in der sie spielt, einen Schiedsrichter, so dass auch immer wieder junge Schiedsrichter nachkommen. Derzeit gibt es zumindest bei uns in Schleswig-Holstein, aber ich glaube, ich kann auch für das ganze Bundesgebiet sprechen, keine Nachwuchsprobleme. Für die Aus- und Weiterbildung ist auf Bundesebene der Bundesschiedsrichterwart, Präsidiumsmitglied der DFBL, und auf Landesebene der Landesschiedsrichterwart, zuständig. Gewisse Aufgaben können auch auf entsprechende Schiedsrichter übertragen werden. Ein Fall „Amerell" kann ich mir im Faustball nicht vorstellen, da wir gegenüber dem Fußball ganz andere Strukturen und einen anderen Aufbau haben.

Rainer Pfaffeneder Österreich:

Als nationaler Schiedsrichter muss ich regelmäßig zu Fortbildungen und bei jedem internationalen Einsatz gibt es noch die Besprechungen mit der technischen Delegation. Wer die Aus- und Weiterbildung annehmen möchte, bekommt sie auch.


Zum Abschluss: was erhoffst Ihr Euch vom Europacup 2010 in Berlin und wer sind – bei aller Neutralität – Eure Favoriten-Teams?

Hans Hunn Schweiz:

Ich freue mich schon heute auf den Europacup in Berlin und möchte mich bei den Organisatoren für die Einladung bestens bedanken. Da die besten Vereinsmannschaften aus Europa anwesend sind, wird es mit Sicherheit hochstehenden Faustballsport zu sehen geben. Als Schiedsrichter gibt es für mich keinen Favoriten, jeder Mannschaft möchte ich den Sieg gönnen.

Rainer Pfaffeneder Österreich:

Da zwei österreichische Teams dabei sind, hoffe ich natürlich, dass ich zum Einsatz komme. Optimal wäre das Spiel um Platz drei. Das hieße, dass beide Teams aus Österreich im Finale wären.

Karsten Asbahr Deutschland:

Ich erhoffe mir spannende, sportliche und faire Spiele sowie ein tolles Faustballevent. Möge die beste Mannschaft gewinnen.


Herzlichen Dank für das interessante Gespräch und den Blick hinter die Kulissen.